Innovationspreis Berlin/Brandenburg

'16 Menschen treffen eine Entscheidung.' - Wie eine Jury den Sieger bestimmt



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Interview mit Professor Manfred Hennecke, Vorsitzender der Jury des Innovationspreises Berlin Brandenburg und Präsident der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung.



biz-AWARDS: Welche Innovationen haben die besten Chancen auf einen Sieg beim Innovationspreis?

Hennecke: "Allgemein haben solche Arbeiten eine gute Chance auf den Sieg, die einen konkreten Verbrauchernutzen bieten. Das gilt in der Regel für Medizinprodukte - da sieht jeder sofort den Nutzen.

Verfahrenstechnische Produkte könnten im Zweifelsfalle schon einen Nachteil bei der Jury haben, weil nur ein Ingenieur die Bedeutung des Produkts auf den ersten Blick beurteilen kann.

Aber bei der Verleihung des Innovationspreises 2004 sind alle drei Gewinner Hersteller von Produkten, die weder in der Medizin gebraucht werden, noch als Endprodukte an den Verbraucher gehen.

Das zeigt eines: Wir als Jury treffen mit unserem Urteil eine qualitative Aussage, die über eine Beurteilung ´auf den ersten Blick hinausgeht.´"


biz-AWARDS: Geht es primär um die "Erfindung" oder um den Markterfolg?

Hennecke: "Verkaufswert und Neuigkeitswert sind gleich wichtig. Zu einer Innovation gehört per Definition die Umsetzung – also die Nutzbarmachung. Jede Innovation muss sich am Markt beweisen.

Die Marktchancen der eingereichten Arbeiten muss die Jury oft schätzen, weil die Produkte noch nicht am Markt sind. Da kann es passieren, dass wir uns irren: Wir zeichnen ein Produkt als Innovation aus, aber der Markt nimmt es nicht an.

Manchmal flopt eine ausgezeichnete Innovation am Markt, weil sie zu teuer ist. Noch häufiger kommt es aber vor, dass ein besseres Produkt nachrückt. Das kann sehr schnell passieren, wenn man z.B. in der Mikroelektronik tätig ist."


biz-AWARDS: Woher wissen Sie, wie gut die Marktchancen eines Produkts sind?

Hennecke: "Wir entscheiden unter Unsicherheit. Ob ein Produkt erfolgreich sein wird, können wir zum Zeitpunkt der Preisverleihung manchmal noch nicht wissen. 2004 hatten wir den Vorteil, dass alle Preisträger schon am Markt sind.

Wir hatten auch schon den Fall, dass ein Produkt im ersten Anlauf keine Auszeichnung von uns bekommen hat, weil wir bezweifelten, dass es gute Chancen am Markt haben würde. Solche Kandidaten können es ein Jahr später noch einmal versuchen.

Wir geben in solchen Fällen aber keine Hinweise der Form: ´Wenn ihr 100.000 Stück verkauft habt, dann stehen die Chancen für einen Sieg schon besser.´"

"Entscheidungsfaktor Gruppendynamik"
biz-AWARDS: Wie entscheiden Sie sich, wenn die Kandidaten qualitativ auf einer Höhe liegen?

Hennecke: "Wir haben immer mehr gute Innovationen als Preise, die wir vergeben können. Wir müssen uns auf maximal fünf Preisträger einigen. Und wenn es eng wird, entscheidet jeder ein bisschen aus dem Bauch.

Um den emotionalen Aspekt auszubalancieren, haben wir darauf geachtet, dass in der Jury Vertreter aus der Wirtschaft, dem Patentamt, der Wissenschaft, der Technik, dem Vertrieb, aber auch Vertreter aus Verbänden sitzen.

In der Jury sind auch Banker, die oft eine neue Sicht einbringen. Die Mischung ist ganz gut. Von 16 Juroren sind zwar nur drei Frauen, aber mir ist auch nicht aufgefallen, dass die Frauen anders entscheiden als Männer."


biz-AWARDS: Wer bestimmt den Gewinner?

Hennecke: "Entscheidungsfaktor Gruppendynamik: Wir hatten schon einmal beinahe eine Entscheidung getroffen, und wie durch ein Wunder kam ein neuer Kandidat in die Favoritenrolle. Aber ich halte das auch für vernünftig.

Meine Rolle als Vorsitzender ist es, zu moderieren. Ich passe auf, dass keine wichtigen Argumente verloren gehen. Ich sorge auch dafür, dass die Entscheidung nicht ewig dauert, weil die Diskussion sonst zerfasert.

Druck erzeugen hat dabei keinen Sinn. Es geht um einen Preis, da müssen wir nicht verbissen ringen. Wir bleiben locker, denn schließlich geht es um die Wertentscheidung von 16 Leuten. Das ist so."


biz-AWARDS: Entscheidet die Jury ohne Einfluss von "außen"?

Hennecke: "Die Juryauswahl ist grundsätzlich ´unpolitisch´. Der Preis ist zwar vom Wirtschaftsministerium gestiftet und zu Beginn der Juryarbeit eröffnet auch mal ein Staatssekretär die erste Sitzung.

Aber mehr als eine Begrüßung und Dank an die Jury passiert dabei nicht. Genauso wenig ins Gewicht fallen ´darstellerische Fähigkeiten´ der Kandidaten.

Die Jury kennt nur das Produkt oder die Dienstleistung. Es gibt auch keine Produktpräsentation, es sei denn, ein Gutachter der Jury besucht das Unternehmen.

Die Jury kennt den Urheber der Innovation normalerweise nicht persönlich, außer er ist schon einmal Preisträger gewesen. Scenion hat z.B. 2004 den Innovationspreis zum zweiten Mal bekommen. Zum ersten Mal hatte die Jury im Jahr 2000 Scenion ausgezeichnet – für ein anderes Produkt natürlich.

Aber ich kannte Scenion nicht, weil ich 2000 noch nicht in der Jury war. Wir haben auch 2003 und 2002 die Firma Heine ausgezeichnet. Im Grenzfall der immerwährenden Innovationskraft könnte eine Firma jedes Jahr den Preis bekommen."


biz-AWARDS: Dienstleistungen scheinen es schwer zu haben, eine Auszeichnung als Innovation zu bekommen. Ist das so?

Hennecke: "Wir beklagen, dass zu wenige innovative Dienstleistungen bei uns eingereicht werden. Vielleicht gibt es davon einfach zu wenig.

Demgegenüber haben wir viele Einreichungen von Forschungseinrichtungen und forschungsnahen Firmen."

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