Förderpreis Aktive Bürgerschaft

Kein Profit außer guten Gefühlen



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Helena Stadler (links) und Uta Jankowsky leiten die Geschäftsstelle der Bürgerstiftung Berlin. (Foto: biz-AWARDS)
Bilderbuch-Kino, "Leselust" und Zoo-Besuche: Die Bürgerstiftung Berlin bietet Bürgern mit Migrationshintergrund die Möglichkeit, sich selbst zu engagieren und damit in die Gemeinschaft zu integrieren.


Für ihr professionelles Engagement gewinnt die Bürgerstiftung den ersten Platz des Förderpreises "Aktive Bürgerschaft" und das Preisgeld von 15.000 Euro. biz-AWARDS besuchte die Berliner Stiftung anlässlich der Preisverleihung und sprach mit der Leiterin der Geschäftsstelle, Helena Stadler, über das Motto der Stiftung: Gemeinsam Zukunft gestalten.


Viele Bürger, ein Motto
Alles begann mit einem Vortrag: 1998 regte der Kriminologe Christian Pfeiffer in einer Rede mehr Engagement für Jugendliche an. Einige Berliner bildeten einen Förderkreis, der etwas in Berlin bewegen wollte. Aber erst die Spende über 250.000 DM von Wolfgang Tuchscherer ermöglichte die Gründung einer Stiftung.

Inzwischen engagieren sich mehr als 250 Berliner in der Bürgerstiftung. "Unser gemeinsames Motto heißt: Gemeinsam Zukunft gestalten", sagt Helena Stadler. "Ehrenamtliche Helfer, Rentner oder auch engagierte Unternehmer setzen sich für junge Menschen ein. Das ist eine bessere Form der Arbeitslosenvermittlung als der Gang zum Arbeitsamt."

Kein Profit, aber jede Menge gute Gefühle
Die Bürger setzen dabei auf "Projekte, die es noch nicht gibt – für die es aber einen Bedarf gibt. Dabei springt kein Profit für uns heraus, aber viele gute Gefühle für die Teilnehmer", sagt die Leiterin der Geschäftsstelle zu biz-AWARDS.

Alle ehrenamtlichen Helfer arbeiten als Koordinatoren, zum Beispiel an Schulen. "Sie bilden einen Bestandteil der Projektstrukturen, gehen mit zu Konferenzen und organisieren eigene Veranstaltungen. Die private Initiative jedes Einzelnen ist gefragt."

Kein Selbstbewusstsein, kein Vertrauen
Fokussiert ist die Arbeit der Stiftung auf Jugendliche, deren Eltern nach Deutschland eingewandert sind. Helena Stadler erzählt, dass Kinder von Migranten oft kein Selbstbewusstsein haben und oft unsicher sind. "Einige arabische Jugendliche sehen meistens nur den Vater im Jogginganzug: Ihnen fehlt es an Vorbildern – jemanden, zu dem sie aufschauen können."

An diesem Punkt setzt die Stiftung an. "Das Leben soll nicht immer nur wehtun. Deshalb suchen wir zum Beispiel gezielt nach bilingualen arabisch-stämmigen Männern, die nicht aus dem Bildungsraster heraus gefallen sind. Mit Ihnen wollen wir Vertrauen zu den Jugendlichen aufbauen."

Ein Kino zum Blättern

Das Projekt "Bilderbuch-Kino" soll genau dies ereichen, sagt Helena Stadler. "Eine Mutter startete das Projekt, um Vertrauen zu arabisch-stämmigen Migranten zu schaffen und ihnen die deutsche Sprache näher zu bringen."

Zusammen mit bilingualen Studenten entwarf sie ein zweisprachiges Bilderbuch für Kinder von Migranten. Zweisprachig deshalb, so Stadler, weil beim Erlernen der Zweitsprache die Erstsprache unbedingt notwendig sei. "Damit wollen wir sowohl die Kinder als auch die Mütter ansprechen. Die Mütter sind sehr wichtig für den Spracherwerb. Oft sind sie es, die das Geld verdienen – zum Beispiel mit Putzen. Aber sie verstehen fast kein Deutsch, schämen sich dafür und grenzen sich dann ab. Das Bilderbuch-Kino soll sie über ihnen bekannte Bilder an die deutsche Sprache heranführen."

Mobilität ist das beste Antidepressivum
Wie Helena Stadler weiter erzählt, sei die fehlende Mobilität ein weiteres Problem bei Migranten. "Viele Jugendliche kennen nur ihren Kiez. Ihnen fehlt es an Erlebnissen und Erfahrungen. Ein Mädchen erzählte mir mal, dass sie noch nie im 1-Kilometer entfernten Wald gewesen sei"

Deshalb organisiert die Stiftung Führungen zu Berliner Sehenswürdigkeiten wie die Mauer oder den Berliner Zoo. "Die Kinder sollen Berlin als ihre Stadt erleben: ihre Orte und eigene Geschichte. Sie erzählen dann auch begeistert von der Berliner Mauer und was sie alles erlebt haben. Mobilität ist das beste Antidepressivum!"

So bringt die Stiftung auch Gruppen zusammen, die sich sonst treffen würden. "Im Berliner Zoo organisieren wir Treffen zwischen sprachschwachen und blinden Kindern. Die blinden Kinder bringen Geld für Mobilität mit, das Sprachschwache nicht haben. Dafür geben die ausländischen Jugendlichen den Blinden Hilfe bei der Führung durch den Zoo und erklären die Tiere."

Kein alter Wein
Dabei profitiert die Stiftung auch von guten Kontakten zur Politik. Die Stiftung sei eben "kein neuer Wein in alten Schläuchen", sagt Stadler. "Unsere Projekte benötigen fast keine Verwaltung. Alle Projekte werden von uns entwickelt, sind EU-fördertauglich und co-finanziert. Deshalb stoßen wir bei Behörden auch auf offene Türen und Ohren. Wir sind eben keine Lobbyisten. Wir holen nichts, wir schimpfen nicht. Dafür bringen wir etwas in die Politik: viel Vertrauen."

Gewinn bringt nicht nur Positives

Der Gewinn des Förderpreises kam für die Berliner nicht überraschend. Die Stiftung nutzt Wettbewerbe gezielt für PR und als bewusste Herausforderung für die Projekte. "Stille Projekte haben es schwerer. Mit einem gewissen Ruf geht es leichter. Der Gewinn beim Förderpreis ist aber gleichzeitig positiv und fatal", sagt Helena Stadler.

"Vor dem Gewinn hatten wir 250 ehrenamtliche Mitarbeiter. Jetzt kommen täglich zwei bis drei Anfragen. Das ist für uns zwei Leute in der Geschäftsstelle kaum zu schaffen. Wir müssen schlank bleiben, weil nur wenig Geld für unsere Geschäftsstelle da ist."

Vor allem am Kapital mangelt es nach Helena Stadler. Das Problem einer Bürgerstiftung sei meistens, einen Kapitalstock aufzubauen. In Berlin gebe es außerdem wenig 'altes' Geld: Fundraiser oder Einwerber wie Anwälte in Hamburger Stiftungen fehlen in Berlin noch an jeder Ecke. "Wir bräuchten mehr Geld für 'Capacity Building' und professionelle Hilfe im Sekretariat oder im PR-Bereich. Wir bieten die Kontakte, neue Mitglieder bringen das Know-how mit."


Kontakt
Bürgerstiftung Berlin
Tel: 030 / 83 22 81 13
info@buergerstiftung-berlin.de
www.buergerstiftung-berlin.de

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